Der Krieg PDF Drucken E-Mail

Am 16. Januar 1756 wurde in Westminster ein Vertrag geschlossen, in dem sich Friedrich verpflichtete, den „Frieden in Deutschland” zu wahren, indem er keinen Durchmarsch von fremden Truppen durch das Reichsgebiet duldet. So durfte Hannover sowohl von den Franzosen, als auch von den Russen isoliert werden. Jene elegante Formel erweckte natürlich großen Zorn in Sankt Petersburg und Paris, den Maria Theresia geschickt zu nutzen wusste. Imperatorin Elisabeth versprach ihr noch im März, ohne lange zu verhandeln, eine russische Armee gegen Friedrich zu schicken und so lange zu kämpfen, bis die Österreicher Schlesien wieder erobern werden. Im Gegenzug sollte sie sich mit dem polnischen Kurland und Semgallen begnügen, die wieder der polnischen Krone durch Preußen erstattet werden sollten. Im Grunde genommen war dieses Konzept eher unrealistisch – abgesehen von der Unmöglichkeit, die verantwortlichen Verhandlungspartner in Polen zu finden, >> IX 2 hätte man den deutschen Protestanten erklären müssen, warum man ihre Glaubensgenossen den als erzkatholisch und halbbarbarisch geltenden Polen ausliefern sollte. So wurde schon während des Krieges die Diskussion fortgesetzt, was das Russische Reich eigentlich davon erwarten sollte.

 

 


Kaiserin Elisabeth war klug genug, diese Schwierigkeiten vorherzusehen.  Gewisse Bedeutung mochten hier aber auch persönliche Beweggründe haben - sie hasste Friedrich, sodass ihr die Idee besonders gefiel, ihn auf einen Status eines der vielen deutschen Fürsten zu reduzieren. Die Lage ihrer Beamten und Generäle war nicht zu beneiden. Alle mussten ja mit dem baldigem Tod der greisen und kranken Zarin rechnen, und ihr Nachfolger – Peter – machte von seiner Sympathie für den preußischen König keinen Hehl, so bemühten sich seine künftigen Untertanen so zu handeln, dass ihnen die Illoyalität nicht vorgeworfen werden konnte, zugleich aber bemühten sie sich nicht allzu sehr, falls sich der künftige Zar als ein nachtragender Herr erweisen sollte. Es verwundert daher nicht, dass die Handlungen der russischen Armee eine gewisse Inkonsequenz kennzeichnete. Ihr Befehlshaber wurde übrigens mehrmals ausgetauscht, um die Verwirklichung von den in Sankt Petersburg unter dem Einfluss der österreichischen Diplomaten geflochtenen Pläne zu sichern, die meistens der Lage auf dem Kriegsschauplatz nicht mehr entsprachen, manchmal sogar das Fortdauern der weit ins feindliche Land vorgerückten russischen Armee gefährdeten.

 

 

Auf dem Hof in Versailles gewann inzwischen eine Kriegspartei die Oberhand >> I 1, die ein Bündnis mit dem traditionell feindlichen Haus Habsburg nicht ausschloss, und den Hauptfeind Frankreichs in England erblickte. Die Teilung und Schwächung Preußens lag jedoch nicht im Interesse der Franzosen. Sie sahen in diesem Staat immer noch vor allem ein nützliches Gegenwicht zu den österreichischen Einflüssen in Deutschland. Die Entscheidung zu Gunsten Maria Theresias fiel erst, als diese dem französischen König ein großzügiges Angebot machte, im Gegenzug für die Hilfe bei der Wiedereroberung Schlesiens die österreichische Niederlande an Frankreich abzutreten. Im Mai 1756 schlossen die beiden Herrscherhäuser ein Verteidigungsbündnis ab. Bald schlossen sich der Koalition das nach dem nordischen Krieg stark geschwächte Schweden, das seine Besitzungen in Norddeutschland schützen, eventuell erneut abrunden wollte, sowie das unmittelbar durch Preußen gefährdete Kurfürstentum Sachsen an.

 

 

 

 

Friedrich war sich dessen bewusst, dass eine militärische Konfrontation unvermeidlich war, er beschloss daher, die Schnelligkeit eigener Mobilisation auszunutzen, um seinen Gegnern zuvorzukommen und die Initiative an sich zu reißen. Er eröffnete die Feindseligkeiten mit der schnellen Beseitigung der nächsten Gefahr – im August und September besetzte er Sachsen und schloss den Kurfürst August mit seiner Armee im verschanzten Lager bei Pirna ein. Als nächstes wehrte er österreichische Absatzversuche ab und zwang endlich den Kurfürst zur Übergabe und Reise nach Polen, wo dieser formell als ein gewählter König regierte >> IX 2.  Die Österreicher waren dadurch eines guten Brückenkopfes nördlich des das Mitteleuropa trennenden Gebirgszuges beraubt. Der König begann sofort mit einer beispiellos organisierten Ausnutzung der menschlichen und materiellen Vorräte des besetzten Landes – während des Krieges sollten die Einnahmen aus Sachsen, neben den englischen Subsidien und Gewinnen aus der Fälschung der polnischen Münze, zur wichtigsten Quelle werden, aus welcher der preußische König schöpfen konnte. (Friedrich eroberte in Sachsen auch entsprechende Prägestempel)

 

 

In nachfolgenden Feldzügen konnte Friedrich die im Hinblick auf die Erhaltung seiner Kriegsmaschinerie wichtigsten Gebiete – vor allem Brandenburg mit Berlin, Schlesien und Sachsen – fest in der Hand halten und die Österreicher immer wieder hinter das Gebirge zurücktreiben, sodass sie keinen Feldzug auf seinem Territorium eröffnen konnten. Er musste zwar den Verlust vom entfernten Ostpreußen, das von den Russen besetzt wurde verschmerzen, dann auch die isolierte preußische Enklave am Rhein evakuieren lassen. Doch behielt er im Ganzen die Initiative, indem er jeden Feldzug mit einem Ausfall auf ein feindliches Gebiet – nach Böhmen und Mähren oder nach Mitteldeutschland – einleitete. Er konnte dabei einige spektakuläre Schlachtsiege erringen und die Niederlagen, obwohl es auch zu jenen kam, waren noch eine Seltenheit. Als sich der Krieg jedoch verlängerte, verlor seine Armee immer mehr erfahrene Soldaten >> II 1 und die Verwüstungen ruinierten die preußische Wirtschaft. Im Lichte des anfänglichen Kräfteverhältnisses war das bisher vom König erkämpfte Gleichgewicht eine glänzende Leistung, von weiteren Feldzügen konnte er aber trotzdem nichts Gutes erwarten.