Eingriffe der Kavallerie PDF Drucken E-Mail

48 Eskadronen >> VII 4 der preußischen Kavallerie standen nach dem Verlassen des Waldes tatenlos südöstlich Kunersdorf mit dem rechten Flügel ungefähr in der Gegend des Kleinen Spitzberges - einer Anhöhe, die sich ihr Befehlshaber zum Beobachtungspunkt wählte, die späterhin nach ihm zum „Seydlitz Berg” umgetauft werden sollte.

 

 


Die Kavallerie hatte bis jetzt keine Gelegenheit zum Kämpfen gehabt. Die Umstände verboten nämlich, sie rasch auf das eigentliche Schlachtfeld zu führen und dort effektiv einzusetzen >> VII 2. Wie ein Sprichwort besagt, greift der Ertrinkende auch nach einem Strohhalm – zu einem näher nicht bestimmten Zeitpunkt, noch vor dem Zusammenbruch des Vormarsches der preußischen Infanterie (um 16 Uhr?), befahl Friedrich der Große seinem Kavallerieführer Seydlitz doch anzugreifen. Diese Entscheidung erscheint heute kurios, weil die Kavallerie zuerst durch eine Enge (bzw. mehrere Engen) zwischen den Wasserbecken in der Niederung südlich Kunersdorf musste und erst dann, schon unter dem Feuer der feindlichen Artillerie, sich zum Kampf gruppieren konnte. Selbst nachdem sie die damit verbundenen Evolutionen bewältigt hatte, war sie gezwungen gegen Feldbefestigungen anzurennen und diese vermochten sie ja nicht einfach zu überspringen...

 

Vielleicht hoffte der König, dass er die Schanze auf dem Großen Spitzberg doch noch im letzten Augenblick erobert und somit dortige Konzentration der feindlichen Artillerie zum Schweigen bringt. Dann könnte er die Lage wieder beherrschen und die inzwischen anrückende Kavallerie besser benutzen. Jedenfalls dürfte ein Reiterangriff die Aufmerksamkeit der Verteidiger binden und ihr Feuer etwas zerstreuen, was der Infanterie des linken Flügels die Aufgabe erleichtern würde. Im Grunde genommen hätte es sich dann jedoch um eine so große Verschwendung gehandelt, dass die Instruktion des Königs schwer zu entschuldigen wäre, es sei denn, der von Seydlitz erhaltene Befehl hätte auf einem Missverständnis beruht. Vielleicht glaubte Friedrich doch, dass der Gegner ausreichende Bewachung von den sein Lager deckenden Verschanzungen in der Hitze der Schlacht versäumte und dass die preußische Kavallerie doch irgendeinen Ort findet, wo sie über die zu schwach besetzten Befestigungen durchbricht? Vielleicht kam er endlich zum Schluss, dass der Zustand seines Heeres einen Angriff der feindlichen Kavallerie bald provozieren muss, der seiner schwer  angeschlagenen Infanterie sehr gefährlich sein konnte, wollte er also den Feind binden, indem er ihn zum Kampf an einem von ihm selbst gewählten Ort verleitet?

 

 


Die Kavallerie musste sich in mehrere Kolonnen formieren. Da sie auf sich nicht allzu lange warten lassen durfte, hatten die ersten Eskadronen anzugreifen, während die übrigen noch zwischen den Seen defilierten, bzw. sich westlich der Niederung gruppierten. Erwartungsgemäß brachten mehrere Angriffe auf befestigte Stellungen des Feindes (den Großen Spitzberg und die sich südwestlich davon hinziehende Linie) nichts außer Verlusten. Auch Seydlitz wurde verwundet, doch die der einheitlichen Führung beraubte Reiterei setzte ihre ziemlich chaotischen Aktionen fort – einzelne Eskadronen und Regimenter schienen nach einer Lücke in dem Hindernis zu suchen, das ihnen das Auftreten auf dem entscheidenden Platz verwehrte, sie prallten aber davon ab.

 

 


Die zurückziehenden Einheiten konnten jetzt keine Zuflucht mehr östlich der Niederung finden, weil ihre nachkommenden Landsleute die Übergänge durch die Niederung versperrten. Sie gingen also nach Süden, um sich außer Reichweite des stärksten  Artilleriefeuers >> VIII 2 erneut zu ordnen. Als der ganze Angriff sich dem Ende näherte, kam feindliche Kavallerie vom Südwesten her auf das Vorfeld der Befestigungen – in der ersten Linie österreichische, in der zweiten russische >> VII 5 – und säuberte es wie ein großer Besen von preußischen Reitern. Der Angriff zerstreute sie in alle Winde >> VII 3. Sie flohen dann zum Wald, durch die Engen zwischen den Seen und nach Kunersdorf – im letzten Fall konnten sie noch Verwirrung am linken Flügel der eigenen Infanterie stiften.

 

 


Es war aber nicht der letzte Erfolg der Kavallerie der Verbündeten an diesem Tag – sie hatte auch die Ehre, die preußische Infanterie endgültig zurückzudrängen. Laudon organisierte jenen finalen Schlag meisterhaft. Unter dem Schutz des sich über dem Schlachtfeld hinziehenden Pulverdampfes gelang es ihm unbemerkt hinter dem eigenen linken Flügel, zwei Linien der schweren Kavallerie aufzustellen. Ihr Angriff warf die schon stark verbluteten und offensichtlich zum Halten einer geschlossenen Front nicht mehr fähigen Preußen >> VI 1  hinter den Kuhgrund und nach Kunersdorf zurück. Ein Teil der zweiten Linie griff die Infanterie des Finkschen Korps an, die sich rasch hinter die Mündung jenes Grundes zurückzog. An dieser Stelle versuchten die zum Reservekorps gehörigen Kürassiere zu intervenieren, konnten sich jedoch nicht mal richtig aufstellen und wurden schnell in die Sümpfe geworfen. Nach der russischen Tradition sollten ihnen die Tschugujev-Kosaken einen Gnadenstoß versetzen.