Katastrophe PDF Drucken E-Mail

Der König von Preußen, der damals auf dem Kuhberg stand, versuchte jetzt den Widerstand auf der Linie Kuhgrund – Kunersdorf zu organisieren. Wohl drängten sich dort Tausende von seinen Soldaten, die aber keinen größeren organisierten Körper mehr bildeten. Die russische und österreichische Infanterie wurde trotzdem durch die Gruppen der preußischen Infanteristen mit Gewehrfeuer begrüßt. Vielleicht wurden sie dazu durch das Feuer eigener Geschütze aufgemuntert. Vom Aufhalten des Feindes konnte aber absolut keine Rede mehr sein. Im Allgemeinen trieben die Verbündeten vor sich das Gedränge, in das sich Friedrichs Armee verwandelte.

 

 


Dem König blieb noch ein Trumpf in der Hand übrig – die Husaren >> V 3 vom Finkschen Korps, sowie das vorher nach dem linken Flügel überführte Dragonerregiment, insgesamt 15 Eskadronen >> VII 4 guter Kavallerie. Diese Einheiten konnten früher nicht in den Kampf geworfen werden, da es am entsprechenden Platz für ihren Einsatz fehlte >> VII 2, so warteten sie auf den günstigen Moment auf den Hängen des Mühl-Berges. Jetzt wurde ihnen die Aufgabe gestellt, die nachrückende feindliche Infanterielinie verdeckt vom Rand des Hochplateaus zu umzugehen und ihre linke Flanke zu fassen. Mit einem Wort, die Kavallerie sollte genau das leisten, woran die Finksche Infanterie schon zweimal gescheitert war. In der sich schnell wechselnden Lage erwies sich diese Disposition als komplett irreal – die Reiter kamen überhaupt nicht auf das Hochplateau, das feindliche Geschütz- und Gewehrfeuer, sowie eine Intervention der alarmierten Kavallerie der Verbündeten schlugen sie schnell in die Flucht.

 

In der Zwischenzeit unternahm der König noch den letzten Versuch, den Feind aufzuhalten – es gelang ihm, eins der Regimenter auf dem südwestlichen Hang des Mühl-Berges in Stellung zu bringen >> VI 4, gewisse Unterstützung gab diesem die vor Ort anwesende Batterie von sechs-pfündigen Kanonen. Er konnte noch einige Soldaten von anderen Regimentern, sowie mehrere dezimierte Eskadronen Kavallerie um sich sammeln. Diesmal wurde die Linie der österreichischen und russischen Infanterie für eine Weile aufgehalten. Auch die Verbündeten waren durch die Ereignisse des Tages angeschlagen, so verwundert es nicht, dass sie sich vorübergehend von den Preußen einschüchtern ließen und den Feuerkampf aufnahmen >> VI 7. Irgendwelche Einheiten sollten sich sogar örtlich zurückziehen. Die Russen konnten sich aber noch den Luxus leisten, frische Formationen (von der 2. Division >> V 7, die zu Anfang der Schlacht die westliche Ecke des Lagers besetzte und als letzte auf dem Schlachtfeld eintraf) in den Kampf zu werfen. Die Preußen, übrigens schon überflügelt, begannen bald in den Bäckergrund zu flüchten. Der König wollte das noch vorher zum Schutz des Artillerieparks zurückgelassene Regiment holen, dieses wurde jedoch von der feindlichen Kavallerie eingekreist und fast komplett gefangengenommen.

 

 


Die Armee zerfiel. Wenige Einheiten der preußischen Kavallerie, die es noch schaffen konnten sich erneut zu sammeln, flohen in den Wald beim bloßen Anblick der feindlichen Reiter, ohne den Schlag abzuwarten. Einige Kommandeure der Infanterie scharrten die Trümmer ihrer Einheiten um sich, als sie aber ins Tal des Hühnerfließes kamen, erwies sich ihre Mühe als vergeblich. Dort drängten sich an den Übersatzstellen die jetzt ungenutzten Fahrzeuge, sowie unüberschaubare Mengen der in Panik geratenen Flüchtenden.

 

 


Es scheint, dass die Russen den geschlagenen Gegner nicht allzu eifrig verfolgten. Sie begnügten sich mit dem Säubern des Geländes auf dem linken Ufer des Baches, übrigens verließ sich Soltikov auf die Initiative der Kommandeure seiner irregulären und leichten Truppen >> VII 7 – insbesondere die der Kosaken, die in den kommenden Tagen noch viele verwundete und marode preußische Soldaten gefangen nehmen sollten. Nur der unermüdliche Laudon bemühte sich, den Erfolg entsprechend auszubauen. Er schickte einen Teil der eigenen Kavallerie nach Trettin, um die Preußen von den Wegen abzuschneiden, die zu den Oderübergängen führten. Die dort vor der Schlacht belassenen Dragoner und Husaren vom Finkschen Korps konnten sie jedoch zurückweisen.

 

 

 

Angesichts der vollständigen Katastrophe zeigte der König Anzeichen eines Nervenzusammenbruchs. Er stieg von seinem Ross ab und verweilte einige Zeit  auf dem Mühl-Berg, indem er sprachlos das ihn umgebende Chaos wahrnahm. Erst Rittmeister von Prittwitz, der zufällig mit einer Gruppe von Husaren an Ort und Stelle erschien, konnte ihn zum Handeln überzeugen - Friedrich begab sich unter Bedeckung seiner Reiter nach Ötscher. Hier konnte der König kein freies Haus finden, da alle durch die vom Schlachtfeld evakuierten Verwundeten vollgestopft waren, so war er gezwungen, in einem Schuppen  der Fähre am Oderufer zu übernachten. Die Nacht entzog gnädig dem menschlichen Auge die Trümmer seiner Armee.